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10 Jahre hat Thomas Harris uns auf eine Fortsetzung vom ‚Schweigen der Lämmer‘ warten lassen. 10 Jahre, in denen wir mit der Gewißheit leben mussten, dass Hannibal Lecter dem Gefängnis entflohen ist und wieder unter uns weilt. Schon gefrühstückt ? *eg*
Ich habe, wie so viele andere, sehr gespannt auf das Buch gewartet, da Harris für spannende, unterhaltsame Lektüre bekannt ist, ich Krimis und Spannung liebe und mir gedacht hab, ich muss das Buch schnell lesen, bevor ich mir den Film ansehe, bzw. solange der Film noch läuft.


Aber zum Buch zurück:
Hannibal Lecter hat das Schweigen der Lämmer überlebt. Clarice Starling – die FBI Agentin, zu der Hannibal eine sehr besondere Beziehung pflegte, ist beim FBI in Ungnade gefallen. Ein Einsatz des Büros endet mit dem sehr öffentlichen Tod einer Kriminellen, die zur Märtyrerin wird. Um aus dieser prikären Lage wieder heraus zu kommen, beschließen Starlings Vorgesetzte, sie, die den Abzug betätigte, zu opfern. Schon während die Vorbereitungen dazu in vollem Gange sind, erhält die Agentin einen Brief von Hannibal Lecter, der vor sieben Jahren aus der Haft entflohen ist. Allein die Tatsache, daß Lecter nur zu ihr Kontakt halten wird, rettet Starling davor, auf dem Abstellgleis zu landen.
Aber auch eines von Hannibals Opfern hat das kannibalische Schlachten überlebt. Der sadistische, bewegungsunfähige Mason Verger sinnt auf Rache und hat diese sehr lange und sehr genau vorbereitet. Schnell drängt sich der Gedanke auf, dass Lecter hier nicht der Täter, sondern ein Opfer im Verlauf dieses Buches wird. Aber Harris versteht es glänzend, den Leser immer wieder zu überraschen .. ..

Auf jeden Fall ist dieses Buch zwar eine Fortsetzung vom Schweigen der Lämmer, aber es hat eine separate Story und auch jemand, der den Vorgänger nicht gelesen hat, kann sich hier zu Recht finden und eine spannende, wenn auch manchmal ein bißchen blutige Geschichte genießen. Immer wieder wird zwischendurch sehr behutsam die Beziehung zwischen Lecter und Starling definiert. Harris hält das wohl für nötig, um die Handlung von ‚Hannibal‘ verständlich zu gestalten, denn ohne dieses Verständnis ihrer Beziehung wird nicht klar, warum nur Clarice Starling dem Dc.Lecter so nah kommen kann. Sie versteht ihn und sie kann sich in ihn hinein versetzten.

Lecter dagegen ist nach wie vor der Verbrecher, dem die schönen Dinge im Leben wichtig sind. So liebt er gute Musik, gutes Essen, gute Weine und er mag Clarice Starling. In ‚Hannibal‘ erfährt der Leser denn auch endlich, warum das so ist.
Lecter ist weitaus gebildeter als jeder Verbrecher, mit dem der Leser es zu wahrscheinlich je zu tun hatte und er vereint alle Vorzüge eines Mannes, zu dem wir eigentlich aufblicken sollten. Harris schafft es, dem Leser eine große Portion Sympathie für den gebildeten Kannibalen abzugewinnen.
Auch gehen die bestialischen Morde, die Harris beschreibt nicht ausschließlich auf Lecters Konto. Dr.Lecters Morde sind Phantasievoll und Situationsbezogen, aber nicht immer Bestialisch, während seine Verfolger ihre Rache von langer, brutaler Hand vorbereitet haben.

Ganz zu Anfang des Buches gestaltet sich die Handlung ein bischen zähflüssig. Noch während man davon ausgeht, dass Clarice Starling die Hauptfigur der Geschichte ist, wendet sich das Blatt und Dr. Lecter und sein Verfolger nehmen an Wichtigkeit zu. Bald wird offensichtlich, dass jede der gezeichneten Figuren wichtig ist und das ihre dazu tut, das Buch zu dem zu machen, was es ist.
Und noch bevor es mir bewußt war, verwandelte sich das Buch denn doch noch in eine zunehmend spannende Lektüre, die ich im hinteren Drittel kaum noch aus der Hand legen konnte.

Eigentlich sollte es mich erschrecken, Sympathie für den blutigsten Mörder zu entwickeln, über den ich seit langem gelesen habe. Ich sollte mich schämen ... .. aber das tue ich nicht. Denn ich denke, so hat es Thomas Harris gewollt und um so mehr sollten wir Harris dafür bewundern, dass er es schafft, uns solche Gefühle abzuringen. Hannibal Lecter zeigt viele positive Züge, die andere Schriftsteller selbst in den ‚guten‘ Hauptpersonen ihrer Bücher vermissen lassen.

Ich würde dieses Buch jedem ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Es ist spannend, überraschend und unterhaltsam. Es gehört nicht in die Kategorie der Bücher, die ich an einem Wochenende durchlesen musste, aber es hat mich zweifellos gefesselt und wird mich auch eine ganze Zeit nicht wieder losgelassen.
Es bringt mich dazu, mir meine Mitmenschen genauer anzusehen. Denn wer weiß, ob nicht in dem einen oder anderen ein Hannibal Lecter steckt.