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Richard Bachman (Stephen King), Todesmarsch
Es gibt zwei Arten, dieses Buch zu lesen.
Die herkömmliche Art
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läßt uns einen spannenden Roman verschlingen, im Bestreben herauszufinden, wer den
Todesmarsch gewinnt. In diesem Fall handelt es sich bei dem Buch um eine spannende
Geschichte, deren Ausgang man zwar ahnt, aber die immer wieder hoffen läßt, dass
unvorhersehbare Dinge geschehen. Beim ersten Lesen zwingt sich diese Art auf und man kann
das Buch kaum aus der Hand legen, denn es liest sich flüssig und jeder wird wenigstens
einen Geher finden, mit dem er sich entweder identifizieren kann, oder dem er wenigstens
seine Sympathien schenken kann.
Aus dieser Sicht des Lesens würde ich dem Buch 4 von 5 Sternen vergeben, denn die
Geschichte läßt eigentlich wenig zu wünschen übrig. Sie ist spannend, unterhaltsam,
für Horrorfans fließt ausreichend Blut, für die etwas zarter besaiteten gibt es
Geschichten über Freundschaft und für die oberflächlich betrachtet Hintergründigen
gibt es sogar ein paar Unterhaltungen darüber, wie man sich auf solch todbringend Spiele
einlassen kann. Es gibt Sympathien, Antipathien, Mitleidiges, Erfreuliches und vieles, was
sich einfach in einem Rutsch lesen läßt, ohne Langeweile aufkommen zu lassen.
Kurz gesagt, man kann Todesmarsch lesen, sich mit seinen Freunden darüber
unterhalten, über den Ausgang der Geschichte nachdenken, das Buch ins Regal stellen und
zur Tagesordnung übergehen.
Die Handlung
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an Sich ist recht einfach und klingt alles andere als spektakulär.
In einer Zeit, in der die Weltbevölkerung verarmt und vor allem gelangweilt ist, in der
das Militär über das Land herrscht, gibt es jedes Jahr eine Volksbelustigung, zu deren
Teilnahme sich ein Großteil der männlichen Jugendlichen anmeldet. Aber nur 100 von ihnen
können daran teilnehmen. Diese Auserwählten werden auf einen Marsch um Leben und Tod
geschickt.
100 junge Männer laufen los und dürfen nicht stehen bleiben, egal was passiert. Es gibt
kein Erbarmen, keine Ausnahmen, kein Entkommen. Wer stehen bleibt wird erschossen und es
spielt keine Rolle, ob er von Wadenkrämpfen gequält wird, seine Schuhe verloren hat oder
ob er sich ein Bein bricht. Wer nicht weiter läuft ist tot, denn nur ein Läufer
der, der alle anderen überlebt kann am Ende gewinnen.
Die tiefergründige Art
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befasst sich mit den Gefühlen und den Gedanken der Geher und der Zuschauer des
Spektakels. Und vor allen Dingen befasst sie sich mit den Gefühlen des Lesers.
Hier mag der Einwand laut werden, dass Bachman/King kein Psychologe ist, sondern
nur ein Schriftsteller. Doch er ist nicht irgendein Schriftsteller, er ist der
Meister des Horrors. Er beansprucht im Todesmarsch keine tiefenpsychologischen
Erkenntnisse für sich, sondern er beschreibt die Ereignisse ausschließlich und führt
uns vor Augen, wie es sein könnte .. ..
Er hält uns einen Spiegel vor und wer sich während des Lesens mit seinen eigenen
Gedanken beschäftigt, wird bald merken, dass King uns hier weniger vorgibt, als wir
anfangs glauben. Und er hinterläßt eine kaum sichtbare, aber sehr fein gezeichnete Linie
des Horrors.
Anfangs scheint es so, dass den Gehern erst nach und nach klar wird, auf was sie sich da
eingelassen haben. In den Regeln des Marsches steht eindeutig geschrieben, dass
ausschließlich einer der Teilnehmer den Marsch überleben kann. Aber den wenigsten
scheint klar zu sein, dass das gleichbedeutend ist mit der Aussage, dass 99 der Geher den
Tod finden werden.
Auch dem Leser wird das, obwohl auch er die Regeln am Beginn des Buches erfährt, nur
langsam bewußt. Nach und nach sterben Jungen vor unserem geistigen Auge, nur weil sie
sich eine Grippe einfangen haben oder einfach keine Hoffnung mehr haben und sich auf die
Strasse setzen, bis sie dort nach ihrer dritten Verwarnung erschossen werden.
Und so wie der Leser immer noch glaubt, die Handlung würde eine Wendung erfahren, glauben
auch die Teilnehmer des Marsches anfangs daran, dass alles nur ein Spiel ist. Während der
Tod eines Jungen am Anfang noch ein Verlust scheint und Entsetzten hervorruft, wird im
Laufe des Buches jeder Schuss gleichgültiger, solange er nicht unseren Sympathieträger
trifft. Das bezieht sich nicht nur auf die Geher im Buch, sondern auch auf den Leser und
wer darüber näher nachdenkt, erschreckt über seine eigenen Gefühle und Gedanken.
Hoffnungslosigkeit bekommt in diesem Buch eine ganz neue Bedeutung.
Besonders erschreckend finde ich die Reaktionen der Zuschauer, die sich am Wegesrand
einfinden. Und sehr bald stellt sich die Frage, was geschehen würde, wenn es einen
solchen Marsch tatsächlich einmal geben sollte. Würden auch wir jubelnd am Strassenrand
stehen, wenn einer der Jungen vor uns auf die Knie fällt und kurze Zeit später
erschossen wird ? Schließlich sind auch wir nicht hier erschienen, um einer Gruppe
Wanderer zuzusehen .. ..
Der Autor
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ist bekanntlich Stephen King, der den Todesmarsch unter dem Pseudonym Richard
Bachman verlegte, um den Markt in den 70er Jahren nicht mit King-Schockern zu
überschwemmen. Allerdings wurde schneller als geplant bekannt, wer sich hinter dem Namen
verbarg und so wurde auch der Todesmarsch sehr schnell ein großer Erfolg.
Anders als bei den Büchern, die King unter seinem richtigen Namen herausgab, haben die
Bachman-Bücher alle eines gemeinsam, sie kommen viel schneller zur Sache. Während
King-Bücher allesamt eine relativ lange Einleitungsphase haben, in denen die Personen
vorgestellt werden, um die es in der folgenden Geschichte geht, kommt King in seinen
Bachman-Büchern schnell zur Sache und treibt die Handlung voran. Die Protagonisten lernt
man im Laufe der Handlung kennen.
Das macht übrigens den Todesmarsch auch interessant für Leser, denen King zu
langatmig schreibt.
Die Vision
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die hinter der Geschichte an Sich steht, ist in greifbarere Nähe gerückt, als wir es uns
einzugestehen wagen. Zu gerne würde ich Stephen King einmal fragen, ob er sich jemals
hätte träumen lassen, wie dicht die Menschheit schon zu seinen Lebzeiten an diese Form
der Unterhaltung herangekommen ist.
Wie weit sind wir noch von einem Todesmarsch entfernt, wenn wir uns vor unseren Fernsehern
versammeln, um Menschen beim Abnehmen zuzusehen, oder wenn wir zum Telefonhörer greifen
um an der Abstimmung teilzunehmen, darüber ob jemand ein Haus verläßt, in dem er hofft
sich bis zum Ende der Show exhibitionieren zu können ?
Oh, ich weiss, ich übertreibe .. ..
Aber andererseits schrieb King dieses Buch, als sich Fernsehshows noch auf Frage- und
Antwortspielchen beschränkten und er dachte ebenfalls mit größter Wahrscheinlichkeit,
dass er masslos übertreibt, wenn er ein Spiel erfindet, in dem Zuschauer die Spieler beim
Leiden anfeuern.
Mein Eindruck
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verstärkt sich mit jedem Lesen von Todesmarsch, dass es nicht darum geht,
dass die Verlierer getötet werden und wer den Marsch verliert. Egal, wie man
zu den Darstellern steht, es werden immer auch einige den Tod finden, denen man das Leben
gegönnt hätte.
Es geht viel mehr darum, dass jeder Leser für sich die Grenze ergründet. Keiner wird
für sich eine endgültige Entscheidung treffen können, wie weit er gehen würde (weder
als Teilnehmer, noch als Zuschauer), denn schließlich ist es ein sehr großer
Unterschied, ob ich mir das Unvorstellbare vorstelle, oder ob ich es erlebe.
Genau so ergeht es den Gehern in der Geschichte und Bachman/King schafft es sehr
erdrückend, den Leser in die Geschichte zu ziehen und mitleiden zu lassen. Er macht sehr
deutlich, wie sich das Bewußtsein nur schrittweise mit den Tatsachen abfindet, bis sie
vor Überflutung der Gefühle dann irgendwann an Bedeutung verlieren.
Es ist schon erschreckend, wie weit unsere Vorstellungskraft reichen kann .. ..
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