Das Reich des unsterblichen Kaisers ist unendlich gross und
umfasst ungezählte Planeten und Welten. Und jeder dieser Planeten erfüllt eine Aufgabe
im Alltag des Kaisers - seine ureigene Aufgabe, das Leben des Kaisers zu bereichern.
Der SiFi-Roman 'Die Haarteppichknüpfer' erzählt die Geschichte der Teppiche, die für
den Palast des Kaisers geknüpft werden, so wie auf anderen Planeten seine Kerzen gegossen
werden, auf wieder einem anderen seine Schosshunde abgerichtet werden und auf einem
dritten Planeten seine Schuhe gefertigt werden. Das besondere an den Teppichen ist
allerdings, dass sie aus den Haaren der Frauen und Töchter der Knüpfer geknüpft werden.
Sie sind dermassen fein und filigran, dass jeder Haarteppichknüpfer nur einen einzigen
dieser Teppiche in seinem Leben fertig stellt. Dieser wird kurz vor seinem Tod von den
Teppichhändlern des Kaisers gekauft und von dem erziehlten Erlös lebt der Sohn des
Knüpfers und seine Familie sein ganzes Leben, wärend er selber wieder einen Haarteppich
knüpft um seinem Sohn genug Geld zu hinterlassen.
Und so steht jeder Sohn seit Jahrtausenden in der Schuld seines Vaters und in der Aufgabe,
dem Kaiser zu dienen.
Doch eines Tages geschehen ungeheuerliche Dinge auf dem Planeten und es gibt Gerüchte um
eine Revolution und den Tod des unsterblichen Kaisers.
Eschbach erzähl die Geschichte in einem sehr unkonventionellen Zeitablauf. Man braucht
ein paar Kapitel, um sich daran zu gewöhnen, dass die Ereignisse nicht hintereinander weg
erzählt werden, sondern in den Epochen hin und her gesprungen wird. Oft weiss man vorerst
gar nicht, ob ein Kapitel nun vor dem vorherigen abläuft, oder nachher und oft spielt es
auch gar keine Rolle.
Einige Kapitel erzählen die Geschichte von Bewohnern des Planeten - oder doch eines
anderen ? - und scheinen nur den Zweck zu haben, dem Leser zu verdeutlichen, wie ernst es
mit den Haarteppichen steht.
Die Verpflichtung zum Knüpfen der Teppiche ist absolut kein sozialer oder
wirtschaftlicher Zwang. Die Verpflichtung dem Kaiser gegenüber ist eher vergleichbar mit
einer Religion, deren Zweifler im Zuge dessen auch weniger als Rebellen, sondern wie
Ketzer behandelt werden.
Das Buch beginnt mit der Geschichte des jungen Mannes Abron, Sohn des
Haarteppichknüpfers Ostvan und seiner Gabe, sich eigene Gedanken zu machen und sein
Schicksal, eines Tages die Bürde seines Vaters übernehmen zu müssen und seinerseits
einen Teppich zu knüpfen, nicht einfach hinzunehmen.
An dem Tag, als sein Bruder geboren wird, erfährt der Leser von dem Brauch, alle Söhne
ausser dem ersten zu töten, da ein Teppich nur einen Mann und seine Familie ernähren
kann. Auch Abron, der erstgeborene hat von seinem Vater alles gelernt, was nötig ist, die
Tradition und Schuld fortzusetzen. Doch als das Weinen der Frauen, um die Geburt des
zweiten Sohnes, ertönt, kommt es anders und der Leser erfährt das erste mal, wie schwer
Traditionen und jahrtausende alte Notwendigkeiten wiegen.
Anfangs scheint es absurd und weit hergeholt, dass ein Vater seinen eigenen Sohn tötet,
nur weil er in eine Gesellschaft hinein geboren wird, die nur einen männlichen Nachkommen
akzeptiert. Anfangs scheint es unmöglich zu glauben, dass das Volk eines ganzen Planeten
für das Wohl eines Kaisers in Armut knechtet, obwohl noch niemals jemand diesen Kaiser
gesehen hat und seine Existenz und seine Unsterblichkeit ausschliesslich seit
Jahrtausenden überliefert wurde. Wäre es tatsächlich möglich, dass ein Volk seine
Zweifler steinigt, für den blossen Gedanken daran, der Kaiser könnte vielleicht doch
kein Gott sein ?
Eschbach versteckt all diese Gedanken gut hinter einer hervorragend konstruierten
Geschichte. Schon auf den ersten Seiten ist das Buch spannend, will man doch unbedingt
wissen, was es mit den Haarteppichen auf sich hat. Immer wieder überrascht der Autor mit
den Ausgängen des kleinen Episoden, die er erzählt, ohne von der ganzen Geschichte zu
sehr abzulenken. Immer klarer werden die Zwänge, denen die Bewohner der Planeten
unterstehen und immer dringlicher wird die Frage : Warum das alles ? Und tatsächlich
schafft es der Autor, mit dem Ausgang der Geschichte und dem Sinn der Teppiche eine
Überraschung zu präsentieren.
Tja und irgenwann stellt sich plötzlich die Frage:
Ist das alles wirklich so weit hergeholt ?
Wäre das Szenario auf unserem Planeten tatsächlich undenkbar ?
Schliesslich leben wir auf einem Planeten, auf dem ganze Heerscharen von Gläubigern an
Kreuze genagelt wurden, weil sie an etwas glaubten, auf dem ganze Völker verhungern
wärend andere nur die Mitte des Salates essen, weil die äusseren Blätter die falsche
Farbe haben, auf dem seit Jahrtausenden Kriege geführt werden, weil Religion und Politik
schwerer wiegen als das Leben.
Grosse Worte zu einem einfachen Roman ? Nun, ich bin überzeugt davon, dass Eschbach sich
hier grosse Gedanken gemacht hat und dass er sie hervorragend und unterhaltend in Worte
gefasst hat und zwar besser, als ich es hier jemals könnte.
Deswegen lautet meine Empfehlung schicht und ergreifend : Lesen !